Kapitalismus

Heute hat der Kapitalismus seinen dunkelen Schatten über unser Dorf geworfen. Ein junges Startup versuchte dem harten Wettbewerb zu trotzen und seine Geschäftsidee am Markt durchzusetzen. Am späten Vormittag klingelte es an der Tür und zwei kleine Mädchen versuchten mir, Steine zu verkaufen. Mühsam hatten sie schon den ganzen Tag den kleinen Verkaufstisch mit der Ware durch die Straßen geschleppt. Als sie so vor mir standen, konnte ich einen Blick auf die erdverkrusteten, undekorativen Steine werfen. “Was kosten die denn?”, frage ich. Immerhin könnte man ja auf die Idee kommen, die Kleinen mit ein paar Cent für ihre Mühe zu belohnen. “Die großen drei Euro und die kleinen einen Euro”, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ich halte inne und bin versucht, den beiden das Prinzip der Marktwirtschaft anhand von Angebots- und Nachfragekurve zu erklären. In dem Moment schießen mir mehrere Themen durch den Kopf, die mir für den Steineverkauf volkswirtschaftlich relevant erscheinen. Der Grenznutzen, der bei Steinen vermutlich bei 0 liegt, wenn man nicht gerade Staats- und Verfassungsfeind ist und die Exekutive damit bewerfen will. Wobei zu bezweifeln ist, ob der klassische Steinewerfer seinen Steinebedarf per Haustürgeschäft deckt. Der Gedanke ist zwar witzig (“Ich nehme vier Kilo von denen da bitte. Sind die auch schön hart?”), ist aber irgendwie unrealistisch, denn Steinewerfer würden die Anonymität des Fernabsatzgeschäftes präferieren, nehme ich an. Dieser Gedanke führt mich zu dem Begriff “Freies Gut”. Der scheint mir auch eine gute Ausrede zu sein, warum ich keine Steine kaufen will. “Oh, vielen Dank, aber davon habe ich im Garten selber genug herumliegen”, versuche ich das Verkaufsgespräch abzuwürgen. “Die kommen aber aus dem Wald”. Hm, ein schlagendes Argument. Waldsteine sind eindeutig cooler, als die aus dem Garten. “Ich überlege es mir noch mal”, sage ich. Die beiden wissen genau, dass ich das nicht tun werde, nehmen meine Ablehnung aber zur Kenntnis. “Okay, danke”, sagt die Sprecherin und die beiden hieven mühsam ihr Verkaufstischchen Richtung Gartenpforte. Ich vernehme einen vorwurfsvollen Blick und bin gewillt meinen Nachbarn anzurufen, um zu fragen, ob er Steine gekauft hat, verwerfe diesen Gedanken aber wieder. Die Kernkompetenz dieses Unternehmens ist sicher nicht der Handel mit Waldsteinen, sondern die Erzeugung eines schlechten Gewissens. Das zieht immer und deshalb werde ich auch Aktien kaufen, wenn die an die Börse gehen.

Kategorie: Spaß und Ernst Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Kapitalismus”

  1. Steffi

    Werter Herr T., es sieht ganz so aus, als wäre unser exzessives Briefe schreiben damals nicht umsonst gewesen :) Das liest sich ja alles sehr gut :)


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