20. Januar 2010 - 13:57 Uhr
Bedingt durch die Schneefälle der letzten Tage bin ich in letzter Zeit öfter in den Genuß des öffentlichen Nahverkehrs gekommen. Wer öfter mal Bus fährt, weiß es längst: Fahrgäste in Bussen lassen sich herrlich kategorisieren. Zum einen wären da die Weisen. Die Weisen sind über 65 Jahre alt, kennen jede Haltestelle wie ihre Westentasche und haben dauerhaft Anspruch auf einen Platz. Wer einem Weisen den Platz verweigert, legt sich mit allen Weisen im Bus an. Ansonsten reden die Weisen nicht viel und besitzen eine Monats- oder Jahreskarte für die jeweilige Tarifzone, die sie seit ihrem Statuswechsel zum Weisen nicht mehr verlassen haben und auch nicht verlassen werden.
Die zweite Kategorie Fahrgäste beinhaltet die Gelegenheitsfahrer. Diese haben von allen drei Gruppen am wenigsten zu sagen, stellen dumme Fragen an den Busfahrer, wie zum Beispiel: “Fahren Sie über die Bahnhofstraße?” (alle Weisen verdrehen die Augen, wenn sie das hören) und fahren meistens Kurzstreckenticket. Gelegenheitsfahrer haben nicht im geringsten Anspruch auf einen Sitzplatz, finden nie den Drücker, den man betätigen muss, wenn man den Bus dazu bringen möchte, an der nächsten Haltestelle zu halten und verlieren im Bus sowieso gerne die Orientierung. Hört man den Busfahrer laut und entnervt sagen “Hier ist bitte nur Einstieg. Verlassen Sie den Bus bitte durch die hinteren Ausgänge”, so hat ein Gelegenheitsfahrer gerade mal wieder versucht, am vorderen Eingang des Busses auszusteigen.
Die Könige des Busses entspringen der dritten Kategorie. Man nennt sie das Trommelvolk. Ihr Wort ist Gesetz, wenn man es denn deuten kann. Niemand weiß, wie lange es das Trommelvolk schon gibt, wo es herkommt und was es für ein höheres Ziel verfolgt. Fest steht: Stammesmitglieder sind maximal 18 Jahre alt und beherrschen eine eigene Kommunikationsform. Sie geben sich dadurch zu erkennen, dass sie immer ganz hinten im Bus sitzen. Gelegenheitsfahrer und Weise betrachten sie mit Abscheu und strafen sie mit Gleichgültigkeit. Das Trommelvolk hat seinen Namen nicht etwa deshalb, weil es besonders musikalisch im Zusammenhang mit Trommeln ist, sondern weil seine Stammesanhänger einfach laut und hohl sind. Wie Trommeln halt.
Wenn ein Trommler (so der gemeine Singular) kommuniziert, brüllt er beispielsweise:
Ey, …, ey, …, Junge! Komm klar in deiner Welt, du Opfer. Gib mir dein Handy, du Mi******rt. Ich klatsch dir eine, du ***********.
Meistens bleibt es bei der Kommunikation unter Trommlern. Selten gibt sich ein Trommler dem Versuch hin, mit einem Weisen oder einem Gelegenheitsfahrer zu kommunizieren.
Und auch wenn das obige Beispiel für meine weiteren Ausführungen denkbar schlecht erscheint, so sei folgendes festgehalten. Drumspeak, oder auch Trommelsprache, zeichnet sich durch massive Wiederholung einzelner Wörter oder Laute aus. Garniert mit wüsten Beschimpfungen, stumpfen Forderungen oder einfach inhaltslosen Statements spricht man nahezu akzentfrei. Das Trommlervolk war eins der ersten Volksgruppen, die die Kommunikation per Handy realisierten ohne jemals Guthaben auf der Prepaidkarte zu haben (“Ey, …, ey, …, ey, … . Gib dein Handy, Junge. Guthaben is’ leer. Guthaben is’ leer. Ey, Guthaben is’ leer. ***********!”). Ich habe mich dementsprechend gefragt, wie ein Trommler eine SMS verfasst. Beschränkt auf 160 Zeichen bleibt kein Platz für Drumspeak. Mehr als eine SMS zu schreiben würde dem gemeinen Trommler zwar gefallen, allerdings seinem eh schon leeren Guthaben widersprechen. Also habe ich mich, bedingt durch die Tatsache, dass ich mich derzeit eh mit Syntaxfragen beschäftige, damit befasst, für die Trommler eine SMS-Syntax zu entwerfen. Diese Syntax ist stellenoptimiert, kommt also mit möglichst wenig Buchstaben aus. Die oben in Klammern verfasste Bitte um das Handy des Gegenüber umfasst genau 121 Zeichen. Obwohl sie locker in eine SMS passen würde, dient sie im folgenden zur Erläuterung von Drumspeak.
Wiederholungen werden in Drumspeak einfach durch einstelligen Variablen ersetzt. Dazu zählen wir einfach alle Wörter die sich wiederholen und listen sie auf. Natürlich dürfen es auch mehrere Wörter in Folge sein, die sich wiederholen.
- Ey, … (3)
- Guthaben is’ leer. (3)
Von dem vierten “Ey” können wir absehen, da es sich von den anderen “Ey”‘s unterscheidet, weil nicht ein Komma und drei Punkte folgen. In Drumspeak sieht obige Botschaft etwa wie folgt aus:
x=Ey, …;y=Guthaben is’ leer;{3|x|Gib dein Handy, Junge. 2|y| Ey, y. ***********!}
Nur noch 83 Zeichen. Wie wird’s gemacht? Im Header (also vor den geschweiften Klammern) sind die Substitutionen deklariert. “x” entspricht einem “Ey, …” und “y” einem “Guthaben is’ leer”. Um in Klarschrift zu übersetzen muss man nun einfach alle x und y im Body (innerhalb der geschweiften Klammern) mit dem entsprechenden Substitutionswert ersetzen. Nachfolgend muss man noch die Loops auflösen. Diese bestehen aus einer Zahl und dem Zeichen “|” alles zwischen den | | wird sooft wiederholt, wie es die Zahl davor angibt.
Ab wann lohnt es sich, ein Wort zu substituieren? Das hängt davon ab, wie oft sich das Wort wiederholt und wie lang es ist. Notwendig ist, dass die Substitution kürzer ist als die Klarschrift (S < K) Beispiel: Drei Sätze, die mit "Ich" anfangen. Danach kommt das Wort "ich" nie wieder vor.
K = 3 * Ich = 9 Buchstaben
S = x=ich;xxx = 9 Buchstaben
Lohnt sich also nicht. Warum?
Klar wird: Eine Substitution benötigt einmal die Variable (x = eine Stelle), ein Gleichheitszeichen (=) und ein Semikolon zur Trennung (;). Ebenfalls wird einmal das Wort in seiner vollen Länge benötigt (hier 3 Buchstaben). Seien Wortanzahl = a und Wortlänge = l dann ergibt sich:
S = (a + 3) + l
Der Loop ist in diesem Fall vorzuziehen. Ein Loop benötigt:
L = 3 + l, wenn die Anzahl der Wiederholungen unter 10 beträgt, ansonsten
L = 4 + l
L < K, ist in diesem Fall gegeben.
Fazit: Das Vermächtnis der Trommler
Drumspeak bietet viel mehr Möglichkeiten als nur verkürzte Botschaften per SMS. Wie man am obigen Beispiel sehen kann, können auch schon bei kurzen Botschaften bis zu einem Drittel der Kapazität gespart werden. Das bedeutet für Bücher und Zeitungen ein Drittel weniger Seiten (eher mehr als ein Drittel, weil es mehr Wiederholungen gibt) und für E-Books ein Drittel weniger Download-Kapazität. Für langweilige Vorträge ein Drittel weniger Powerpoint-Charts, etc. und für schwachsinnige Blog-Einträge ein Drittel weniger Platz.
Drumspeak ist ein wichtiger Faktor um die Europäischen Umweltrichtlinien bis 2040 einzuhalten, weil es Ressourcen schont (Bäume), Energie (Server zum Übertragen von Daten benötigen Energie) und Zeit (kürzere Vorträge).
Learn Drumspeak. Communication 2.0.
Wenn man jetzt das nächste mal einen Trommler sieht, wie er mit leerem Blick und offenem Mund in die Gegend starrt, weiß man, dass er gerade seine nächste Botschaft in Drumspeak übersetzt.