Moblin v2.0
30. September 2009 - 03:02 UhrProlog
Netbooks sind anders. Eigentlich braucht man die auch nur ganz selten und eigentlich sind die auch nur dazu da, um sich daran totzukonfigurieren. Sucht man nach dem Gott aller Netbooks, dem Eee PC, dann finden sich bei youtube zahlreiche Videos von abgefilmten, hochfahrenden kleinen Laptops. Der eine fährt in 5 Sekunden hoch (gut, ohne graphische Oberfläche, aber wer braucht die schon?), der andere fährt gar nicht mehr hoch. Der eine wiederum läuft mit Mac OS X [Kommentar vom Autor entfernt], der andere mit Linux, die restlichen 99 % mit Windows.
Das ist meistens denkbar unspektakulär. Jedenfalls findet man über normale Tisch-Rechner nicht so viele Videos, wie sie einfach hochfahren. Wozu auch.
Ich war mit Ubuntu Netbook Remix 9.04 auf meinem Eee PC schon ziemlich zufrieden. Kein Stress mehr mit Konfigurationsgeschichten, Webcam, WLAN, Card-Reader, alles lief mit meinem Eee 901 zufriedenstellend. Bis vor drei Tagen.
Per Email erhielt ich einen Link zu der Moblin-Seite im Internet und stieß eigentlich auf nichts revolutionäres. Es ging um ein Linux-basiertes Betriebssystem, das sich (in der Netbook-Version) auf Netbooks mit Intel Atom-Prozessor spezialisiert hat. Da mein Ubuntu Netbook-Remix gerade aufgrund unglücklicher Partitionsgrößen sowieso etwas verlangsamt hatte, beschloss ich es mal auszuprobieren. Außerdem fruchten meine derzeitigen Linux-Erfahrungen nur auf dem Debian-basierten Ubuntu. Moblin arbeitet auf einem Fedora-Kern und auch das sollte man doch einfach mal ausprobieren.
Ein weiterer Grund für meine Experimentierfreudigkeit sind aber auch die kleinen, lustigen Männchen aus dem Introduction-Video. Seit Googles Android bin ich mit solchen Kerlchen leicht zu überzeugen.
Installation
Die Installation stellte sich als schwerer heraus, als geplant. Ich hatte die CD schon beschriftet und das externe CD-Laufwerk bereitgelegt. Das Image war von der Moblin-Seite heruntergeladen, als mir auffiel, dass es 728 MB groß war. Ein bisschen viel für eine CD. DVDs liegen bei mir selten herum, daher entschloss ich mich für die USB-Stick-Variante. Mit dem Tool Image-Writer stellt das unter Ubuntu auch alles kein Problem dar. Von diesem Stick zu booten ist ab dann leicht, wenn man weiß, dass es im BIOS des Eee 901 zwei Boot Device Priorities gibt. Einmal allgemein, einmal für Hardware Disks. Letztere Erkenntnis hat weitere 10 Minuten gekostet. Die eigentliche Installation ist simpel wie eh und je. Sprache, Tastatur-Layout, Zeitzone, Partitionierung, Mount-Points. Der Durchschnittsanwender weiß Bescheid.
Das Gesabber startet
Die erste Begeisterung ist nach dem ersten Neustart da. Die Bootzeit liegt bei knapp unter 20 Sekunden. Wenn man sich jetzt anstrengt und noch wild herumkonfiguriert, bekommt man die bestimmt auch noch auf 10 Sekunden. Tue ich aber nicht.

Zweite Welle der Begeisterung überkommt mich beim Erkunden der Oberfläche. Kein Desktop, kein “My Computer”, “Arbeitsplatz” oder sonstiger Schrott. Die Applikationen öffnen sich weitgehend in voller Größe und sind in die Oberfläche genial integriert. Alles reagiert unfassbar schnell, Wartezeiten sind höchstens Sekundenbruchteile und wenn überhaupt, wenn man zwischen den “Zones” umschaltet. “Zones” sind so ähnlich wie das Umschalten bei Compiz / Beryl / Fusion (wie heißt dieses Projekt jetzt eigentlich genau?). Für Windows-Benutzer: Keine Ahnung, wie das bei euch heißt, aber es muss irgendwas mit Aero zu tun haben, denke ich mal.
Genial ist auch die Sortierung der Kontaktdaten von Freunden und Kollegen. Es gibt einen Menüpunkt “Leute”, der alle Kontakte auflistet, die man eingegeben hat, oder die durch einen eventuell benutzten (und auch genial eingepflegten) Messenger online sind. Mit einem Klick kann man die Homepage dieser Person ansehen, per Messenger eine Nachricht zukommen lassen oder eine Email schreiben. Die Darstellung folgt der Ansicht mit Bildern in einem Ordner. Nur halt ohne das lästige Ordner-Feeling.
Das Trocknen des Sabbers
Moblin v2.0 ist noch nicht ausgereift. Das merkt man an ein paar Stellen, die den Spaß an diesem genialen Stück Programmiergeschichte aber sicher nicht nehmen. Der in den Email-Client intergrierbare Browser (falls man mal auf einen Link in einer Email klickt und so) führt regelmäßig zu Speicherzugriffsverletzungen (jedenfalls bei mir), die aber elegant Abgefangen werden und das Netbook nicht zum Absturz bringen. Dies geschieht auch tatsächlich nur, wenn der Browser aus einer Mail heraus gestartet wird. Sonst nicht.
Weiterhin müsste die Vernetzung zu Social Networks etwas verfeinert werden. Aufgrund der derzeit grassierenden Farmville-Fiebers könnte ich mir vorstellen, dass eine Facebook-Integration sicher vielen Leuten entgegen kommen würde. Derzeit sind nur Twitter und LastFm integriert. Die Integration zu Twitter dabei sogar noch fehlerhaft (findet die Seite mit dem Tweet nicht, wenn man aus “myZone” darauf klickt).
Was ich überhaupt nicht verstehe, ist das fehlende Angebot eines Videochat-Clients. Netbooks sind doch eigentlich super für Videochatting ausgelegt. Ich hoffe, dass in der nächsten Version so etwas integriert wird. Alles andere wäre nicht gerechtfertigt.
Konsequent hingegen finde ich das Fehlen einer Office-Suite. Kein OpenOffice, KOffice, StarOffice, NeoOffice vorinstalliert und anscheinend auch in keinster Weise geplant, lässt darauf schließen, dass die Entwickler verstanden haben, dass ein Netbook nicht wirklich zum Arbeiten geeignet ist. Programmierer werden sich hingegen freuen. GEdit und ein Terminal sind als Standard unter Zubehör zu finden. Was braucht man mehr?
Epilog
Alle Netbook-Besitzer, die gerade nichts zu konfigurieren haben, denen langweilig ist bzw. deren derzeitige Konfiguration einfach zu gut funktioniert sei wärmstens ans Herz gelegt, Moblin einmal auszuprobieren. Die Installation hat mit den beschriebenen Problemen bei mir keine halbe Stunde gedauert (ausgenommen Download des Images) und die Erfahrung Moblin zu testen lohnt sich allemal.




